Twiganauten > GLÜCKSTOPF > Lyrik und Prosa > GEDICHTE von Horst Lothar Renner

Wider und Wieder

 

wider und wider

die macht

und das leben

auf kosten der schwachen

 

wieder und wieder

befreiung

und leben

zu lasten der starken

  

wider und wieder

das heute

das morgen

und wieder und wider

zeile um zeile - weinland - kulturland

zeile um zeile - weinland kulturland


südsteiermark
südsteirische weinstrasse
wo geschwungenes
und wo gewölbtes
eingeflossen in das
wo
gegrüntes stocksteif steht
wo der traubenhang
der holzverbund
die geschichten schreiben
stillgestanden tonlos
sitzend
wortlos
sinnlos
nur ersatz wofür
nur ersatz
wozu
immer die vergleiche
bringen
wenn der wind
das rad
der wind
aasgeruch noch heute
blutgetränkt auch jetzt
rotes
auf dem tischtuch
fleisch und brot und wein
wo gewölbtes
und geschwungenes
wo die nebelbank
der wasserfilm
eingeflossen in das
wo
zufriedenheit die landschaft
prägt
steht die zeit
denn wer kommt
und geht
der bleibt

südsteiermark
sausaler weinstrasse
zu plakativ
um schön zu sein
und doch
zu schön
um als klischee
zu enden
wer oben ist
holt luft
wer unten steht
der atmet
die spitze des gemäuers
fängt gedanken
ins weite land führt jede zeile
im weiten land liegt das vergessen
das weite land ist ohne licht
verderben hat ein haus
und auch der tod
wer wein geniesst und denkt
wer denkt
und mitteilt was er fühlt
fuhr diese strasse ab
so hin und her
so auf und ab
so kreuz und quer
hielt inne
und hielt rast
der platz im schatten
ist der sonnenplatz

weststeiermark
schilcher weinstrasse
eingefasst
hervorgehoben
eingebettet
ausgesetzt
und
stock an stock
doch nicht zum horizont
und
haus an haus
nein
nicht zum horizont
der dumpfe bodenkult
verbirgt sich tief im keller
und fluchtversuche enden immer
als versuche
bergauf läuft
alles
läuft bergauf
auch wenn der blick nach unten zielt
die landschaft zwingt nicht zu erinnerungen
sie will nicht anders sein
so wie der wein
so wie das bild
das eingerahmt
und umgemalt
bestehen bleibt
auch in der ferne

südoststeiermark
klöcher weinstrasse
ist es das alte grün
das immergrün
oder das neue
ist es die nähe
zu
und von
ist es das hügelland
die burg
der weiher
oder der stumpfe fels
der aus den reben bricht
ist es das licht
die spiegelung
die stimmung
ist es der wein
der manchmal schönt
oder der einwurf
grenztot vergangenes
grenzgrell die zukunft
das ist es nicht
oder ist
ist es erinnerung
ist es die farbe
ist es das feld
mit zerhackter frucht
oder der wald
dieses düstere bild
oder sind es die menschen
die
die hier leben
oder die
die nie bleiben
oder ist es die zeit
ist es die alte
oder die neue
was es auch ist
das ist es nicht

südburgenland
heiligenbrunn
strohermattet
hingekauert
pausenlos
die ruhe
landesende
endlichkeit
der sicht
lehmerstanden
holzverstrebt
das signal
auf weiss
was vergangenes zu bieten hatte
zeigt sich
zeigt sich
gelb und braun
zeigt sich pausenlos
und unfassbar
zeigt sich im gespräch
zeigt sich in der flasche
auf dem tisch
im glas
angestossen
ausgestossen
fraglos
dann der blick
fraglos
auch die fragen
wie es war
und
wie es ist
antwort
gibt die zeit
pausenlos

mittelburgenland
es sind die sanften schwünge
wie vom kamm gezogen
es ist die einfachheit
die hier geschichte schreibt
wo buntes nie zuhause war
und dunkles rot als farbe
im gedächtnis bleibt
es ist das niemandsland dazwischen
es ist die falsche melodie
es ist der hunger nach dem durst
es ist die müdigkeit
die zum verweilen zwingt
es ist
und es ist nichts
ist es
ist es das unbekannte muster
nach dem das leben leben lebt
ist es der erste schluck
ist es der letzte
ist es das rad
das sich nicht dreht
ist es die einsamkeit
ist es die stimme
leises gespräch im engen raum
oder das dunkle rot
das im gedächtnis bleibt
und zum verweilen zwingt

neusiedlersee hügelland
von wo auch immer
ist die sicht
gegeben
und nie und nimmer
zeigt der see sich
wie er war
und wie er ist
der wein wächst in das schilf
und schilf steht tief ins wasser
und alles endet
endet
nur in sich
die hügel tragen kirchen
oder türme
in der erinnerung
oder auch nichts
die häuser
trennt der schattenstrich
die alten mauern
stützen blumen und geräte
und ferner klang
tönt an
und täuscht
verspricht
im keller lagert qualität
und wein wird älter
der sommer und der herbst
bebildern den prospekt
von wo auch immer
sinkt der dichte nebel
und alles endet
endet
ohne sicht

neusiedlersee
seewinkel
die wiese ist eine wiese
ist keine wiese mehr
die weide ist eine weide
ist keine weide mehr
der rasen ist überall
wie der asphalt
wie der beton
wie hohlblock und eisen
was bleibt ist der see
ist der garten
traubenbehangen
vom hügel herab in die weite
rebengeschichte und leseschnitt
von der presse ins fass
vom mut
zum geschmack
der see liegt sandig am horizont
ein weisses segel schlägt ein buntes
die orte sind laut
gesichtslos
blumengeschmückt
oder still
oder unsagbar traurig
die vögel im schilf
zeigen
zeigen
was es zu zeigen gäbe
und manchmal gibt ein gemaltes bild
eine neue sicht
ein neues verständnis
abhandengekommener kultur
so nimm ein glas des besten weines
die zukunft
könnte vergangenes bringen
bei geschlossenen augen
und die schwirrende wolke der stare
fällt in die gärten
denn die gärten sind gärten
und werden noch gärten sein
traubenbehangen
und die wiese ist eine wiese
ist keine wiese mehr
und die weide ist eine weide
ist keine weide mehr

neusiedlersee
halbturn
im vorspiel
klingt umgebung an
der wald
die rosenfelder
und der wein
von der basilika
durch die tschardakenschlucht
zum schloss
und unterm maulpertschhimmel
nach dem gehen sehen nachempfinden
nachempfunden
den bogenstrich
den anschlag
den trompetenstoss
wo schollums wirken noch zu spüren ist
sind selbst die blinden fenster
fenster zur kultur
und auch der sortendreiklang
rot und weiss und grauburgunder
wird genussvoll ausgespielt
im schlusssatz
führt der weg zurück
führt zur erinnerung
der schön gedeckte tisch danach
und das konzert davor
die klänge
der geruch
geschmack
verbinden sich zur symphonie
die nachklingt
und verebbt
die sonnenblumen
haben ihre köpfe
abgewandt

carnuntum
steinernes tor im leeren raum
anfang des weges
der wanderung
und später
staubspur im schritt
doch das vertrauen
auf baldige rast
hält die bewegung
im gang
kommt immer näher
kommt näher
und kommt
kommt viel zu früh
dieses fallenlassen
dieses genussvolle atmen
zufriedener blick
in die runde
und der entschluss
sitzen zu bleiben
hier
eben hier
nahe der unsichtbaren quelle
die flaschenverpackt
das weite sucht
die wackelige bank gibt stütze
und braucht selber eine
im wein liegt
stengel blatt und kern
und von der stimmung lässt sich sagen
dass sie stimmt
noch stimmt
die kellergasse um die mittagszeit
lässt ahnen
wie der tag
zu ende gehen wird

thermenregion
gumpoldskirchen
wie aus einem aquarell geworfen
wein und farbe
wasser
nur bei regen
hässlichkeit hat viele namen
schönes
eine zeit
wo die kirchturmspitze blaues balanciert
und gemäuer
sich in grünes zwängt
bruchstück
fundstück
perle
ohne schnur
eingefasst vom schweren stein
und zur schau gestellt
nachbarorte halten hof
halten sich zurück
sonnen sich im glanz
wie im laubenhof die alten tische
die auf glas und flasche warten
menschen kommen aus der stadt
und fallen ein
leiser war
was lauter wird
mitgebrachtes säumt die strasse
die sich silbrig durch das schwarze
schneidet
rot ist weiss
und spät
und spät
kann heute sein

wien
wienland
ist weinland
ist stadt
der weinberg hält den wald im zaun
und gibt der stadt den rahmen
und nussdorf spielt
und döbling tanzt
und heiligenstadt singt von der liebe
es war der wein
es ist der wein
es ist
musik die anders klingt als anderswo
ein lied als hilfloser protest
und grinzing träumt
und sievering hofft
und neustift am walde verliert sich im glauben
es war nur wein
es ist nur wein
es ist
das abgegriffene volle glas
das freunde und fremde vereint
und stammersdorf weint
und strebersdorf lacht
und jedling philosophiert über das sterben
es war ein wein
es ist ein wein
es ist
das himmelreich missbrauchter seelen
mit tafelwein als lebenselixier
denn wienland
ist wien
ist weinland
ist stadt

wien
dornbach
beim läuten der glocken
die erde verlassen
und in den keller gestiegen
oftmals im jahr
zu den heiligen zeiten
bei einfacher kost
den einfachen wein getrunken
bewusst
die auslesen
nicht in betracht gezogen
aus dem gedächtnis
kopien belichtet
und namen zitiert
alsegg
sankt peter
und himmelmutterweg
der weinwuchs im wechsel
der strassenbahnfahrten
und
die riede ist menschlich
ist menschenleer
die gezeiten alt neu
auf der insel erlebt
im tosen der stimmen
die eigene
und die der freunde
nicht mehr gefunden
und was verloren geglaubt
ward manchmal herangespült
blieb liegen im sand
und wurde beleg
beim läuten der glocke
den keller verlassen
und
zurückgekehrt

donauland
auf beiden seiten liegt die wahrheit
auf beiden seiten wächst der wein
der donaustrom
bringt nur nach wunsch
sich ein
und bleibt
in sicherer distanz
das heer der hölzernen soldaten
steht drahtgefesselt
hier und dort
und dient
zum allererstenmal
und dient in dieser form
dem guten
das bühnenbild des winters
ändert sich im zweiten akt
die alten herrscher sind gestorben
vergessen hat sich breit gemacht
und lustvoll
wechselt lust die seiten
da ist der kuppelglanz
der platz
das stift
in seiner imposanten grösse
da ist das riesengrosse fass
das auf die pilger wartet
aus einem wallfahrtsort
sind orte
plätze
tiefe keller
und
neue wallfahrtsziele ausgewachsen
zum brückenschlag
der weinkultur
der wagram grünt der donau zu
mit kellergassenstreifen
das linke und das rechte ufer
sind bereit
und warten
trunken
auf beiden seiten wächst der wein
auf beiden seiten
liegt die wahrheit

traisental
den unterschied erschaut
im alpenland
im vor
im alpenland
den unterschied genossen
und
dem wegweiser gefolgt
die schneekappe gezogen
und durch die ebene
gedacht
bei tiefen schnitten weggeschlafen
kurz
und nur solange
bis keine last zu tragen war
den zeugenstand vermieden
bis zum ziel
auf sandigem
auf schottrig lehmigem
erwacht
im riedenbett
auf fernblickhöhe
die pfade in die täler
ausgetreten
und
zur pforte vorgedrungen
doch nicht durchschritten
nie gewollt
nach bleiben stand der sinn
im dunstkreis
all der düfte
und
geblieben
und geschrieben
und getrunken
hier
inmitten

wachau
ob sie hier endet
oder beginnt
das ist die frage
ob melk oder göttweig
der wächter ist
das ist die frage
nicht
der träge fluss
hat eine antwort längst gefunden
er schiebt die schiffe
lautlos durch das bild
vorbei an wundervollen gärten
direkt ins blasse blütenmeer
den schlächtern
ist das töten untersagt
und was geschehen ist
geschah nicht hier
geschieht nicht jetzt
der tausendeimerberg leert seine eimer
und goldtracht tritt die trauben flach
ins karge urgestein gehämmert
hat schönheit als modell gedient
die landschaft
ist zur schaustellung bereit
die öffnungszeiten
die sind angeschlagen
der stein des ortes
und die steine der ruine
sie stossen an
wie glas an glas
und rollen herab
und bilden
die hängenden gärten
und türmen sich auf
und warten
und warten
auf modellierende hände
ob es hier endet
oder beginnt
das ist die frage

kremstal
krems
die weinstadt krems
und und
und stein
in mittelalterlicher rüstung aufgebrochen
spätgotisch fiel der bogenwurf
der renaissance verbunden
und in gold gegossen
vom barock
kulturstadt krems
und und
und stein
die engen gassen schrieben alles alte auf
die dunklen bauten wurden bücher der geschichte
und wo die sonne auf die seiten trifft
steht nichts von ungeklärten fällen
die braunen flecken
deckt das weinlaub zu
im herbst
im wind
herbeigeweht von hängen
die in die strassen wachsen
es lebt sich gut
in krems
und und
und stein
und keiner geht
und viele kommen
und auch die kunst ist eingezogen
jetzt
die neue kunst
und hat das fass gefüllt
der inhalt
ist zur probe freigegeben
in krems
in und
in stein
und nur der rote wein
ist noch verschlossen

kamptal
nicht gezeichnet
nicht gedruckt
sondern gegossen
mit feinsten strichen
die rundungen ziseliert
von flachen mulden
laufen die strassen
zu tieferen mulden
und nur die kleinen wege
enden im nichts
und führen zurück
und zeigen den widerspruch
auf
der
hinter vorgehaltener hand
von innen nach aussen drängt
in die eine richtung gedacht
in die eine richtung gesprochen
nie gegen den wind
bei sturm
im chor braver stimmen
mitgesungen
und genickt
und später im hof
in gemütlicher runde
im schattengeflecht
das glas erhoben
und noch etwas später
ein zweites getrunken
ein drittes
ein viertes
und alles so genommen
wie es zu nehmen war
den druck der hitze
vom hellenstein
oder höllenstein
oder heiligenstein
fast nicht ertragen
und gestern und heute
durcheinander gebracht
die kraft des weines
missdeutend
beim abschied
den nächsten besuch
angekündigt

weinviertel
geschwätzigkeit nicht mehr ertragen
die szenerie der feiertage nicht goutiert
den gleichklang aller urlaubsorte übertönt
mit stille
im verkannten land
im ausweichsland
im durchzugsland
veltlinerland
im viertel
das dem wein gehört
geträumte sichten
burgen schlösser
erwachen zu verträumten stätten
und buschenschanken
friedlich neben wehrkapellen
sind mahnmale
der fröhlichkeit
veltlinerland
ein vielfaltland
ein heimatland
unsterblichkeit braucht grosse gräber
das sterben deckt die erde zu
kein heimatland
ein schönes land
ein zentrum
steingewordener kultur
sehr spät begonnen
doch begonnen
die ernte eingebracht
im neuen mass
und wein als wein
vergraben
die kleinen fässer bergen gold
in tiefen kellern liegt die lust
aus diesen kellern
kommt der glaube

weinviertel
haugsdorf
die kellertrift emporgestiegen
zu gegebener zeit
die eine
die andere
bergab geschlendert
und den kreis geschlossen
tische
beladen mit allem
bänke besetzt
auch die stühle
von vielen
im presshaus den schutz genossen
und die panik hinuntergespült
der stachellose draht
fängt keinen wind
der stachellose draht
hält nicht die angst
im zaun
und von der kellertemparatur
wieder zur sonne getrieben
in die farbigkeit der bewegung
das lachen
als teil des dialogs
klassifiziert
und das eher seltene weinen
als bruchteil
zickzack gegangen
aus freude
und staunend stehengeblieben
die bank besetzt
und den stuhl
vom tisch genommen
von allem
und erneut die runden gezogen
ohne ende
ohne ende
bevor es zu ende ging